NWE 11 bis 22 (DR 99 5901 bis 99 5905)
Bei den Harzer Schmalspurbahnen sind noch heute - genau wie vor über 100 Jahren - Mallet-Lokomotiven beheimatet, die ihre Leistung immer noch im Zugdienst beweisen. Hier sind die derzeit einzigen betriebsfähigen Mallets in Deutschland zu finden. Sie dürften außerdem das wohl höchste Dienstalter aller deutschen Dampflokomotiven besitzen, denn sie sind zum Teil seit 1897, mit Ausnahme kürzerer Pausen, ununterbrochen im Einsatz. Die Strecken im Harz weisen lange Steigungen mit bis zu 25 ‰ auf, die höchste Anforderungen sowohl an das Material als auch das Personal stellen.
Seit Inbetriebnahme der Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn (NWE, "Harzquer- und Brockenbahn") spielten Mallet-Loks auf der Strecke eine dominierende Rolle. Noch im Jahr 1897, als die ersten Teilabschnitte in Betrieb gingen, wurden die ersten Mallets geliefert. Insgesamt bauten die Lokomotivfabrik Arnold Jung, Jungenthal und die Mecklenburgische Waggonfabrik Güstrow bis 1901 zwölf baugleiche B'Bn4vt-Mallets für die NWE, die in den ersten zehn Jahren fast den gesamten Verkehr abwickelten. Leider beschlagnahmten die Militärischen Feldeisenbahnen mit Beginn des ersten Weltkrieges sechs Maschinen, die allesamt im Krieg verloren gingen. Infolgedessen nummerierte die Bahngesellschaft im Jahr 1918 die verbliebenen sechs Lokomotiven um. Sie trugen nun die Nummern 11 bis 16. Eine Lok (NWE 12, ex 20) verunglückte am 06.07.1927 schwer im Thumkuhlental bei Wernigerode und stürzte einen hohen Damm hinunter. Sie wurde an Ort und Stelle zerlegt. Somit verblieben nur noch fünf Loks. Diese Maschinen, die 1949 die DR-Nummern 99 5901 bis 5905 erhielten, kamen ab 1956 zur Selketalbahn, da dort Triebfahrzeugmangel herrschte und in Wernigerode die ersten Neubauloks der Reihe 99.72 eintrafen. 99 5905 war bis dahin in der Einsatzstelle Nordhausen beheimatet und war die erste der fünf Malletloks, die im Selketal erschien.
Im Raw Görlitz wurden 1969 an 99 5905 einige Schäden an den Zylindern entdeckt, die Lok jedoch wieder mit entsprechendem Hinweis und ohne Garantieanspruch auf die Zylinder dem Betrieb übergeben. Nach Kesselfristablauf am 31.05.1971 wurde die Maschine abgestellt. 1974 setzte man die Maschine auf "z" (von der Ausbesserung zurückgestellt). Nach der Ausmusterung (14.11.1975) wurde die Lok zerlegt (10.12.1975). 99 5905 besaß noch den originalen Schornstein, ein Führerhaus ohne Oberlicht und die alten Wasserkästen (vorn rund).
Am 10. März 1977 kam es zwischen Harzgerode und Alexisbad zu einem Unfall, als sich 99 5901 wegen nicht gesicherter Bremsen in Harzgerode mit mehreren Güterwagen selbständig machte und die Strecke hinabrollte. Vor Überquerung der Fernverkehrsstraße 242 kam es zur Entgleisung und die Lok stürzte einige Meter die Böschung hinunter, wobei sie schwer beschädigt wurde. Im Rahmen der anschließenden Wiederaufarbeitung erhielt sie, wie schon zuvor 99 5903, einen grünen Privatbahn-Anstrich.
Noch im September 1990 wurde 99 5904 verschrottet - sie soll einen Achsschaden erlitten haben. 99 5903 war diesem Schicksal entronnen, jedoch 1989 bereits an die Direktion als verschrottet gemeldet worden. Nach dem Ende des Schmalspurgüterverkehrs am 30.03.1990 und Umrüstung aller Reisezugwagen auf Druckluftbremse gab es für die Mallets keine Betätigung mehr und sie wanderten aufs Abstellgleis (1987 - 99 5903; 1988 - 99 5904; 1989 - 99 5901, 1990 - 99 5906; 1993 - 99 5902). Im Selketal waren ihre Planleistungen zunehmend durch die Neubauloks der BR 99.72 übernommen worden, und nachdem auch hier alle Wagen mit Druckluftbremse ausgerüstet waren, kam das Aus für die Beförderung planmäßiger Züge durch die Mallets. Die letzten mit einer Mallet-Lokomotive bespannten Planzüge im Selketal wurden am 16.11.1989 von 99 5906 gezogen. Im nächsten Abschnitt ist zu lesen, wie es gelang, die Maschinen wieder zu reaktivieren, so dass sie heute wieder voll einsatztauglich sind. Man kann man sie beinahe wöchentlich vor dem Traditionszug bewundern, und mit ein wenig Glück auch im Planeinsatz (s. a. Termine).
Den ersten größeren Umbau erlebten die sechs nach dem ersten Weltkrieg verbliebenen Mallets ab 1924, als sie einen größeren und leistungsstärkeren Kessel erhielten. Er wurde 300 mm höher als der Ursprungskessel eingebaut, um die Zugänglichkeit für Wartungsarbeiten, vor allem im Bereich der Feuerkiste, zu verbessern. Der neue Kessel hatte nun 14 statt 12 Bar und 133 Heizrohre. Mit der neuen Kesselleistung von etwa 350 PS konnte die Zuglast in einer Steigung 1:30 von 60 t auf 86 t erhöht werden (bei 25 bis 30 km/h). Als letzte Maschine wurde 99 5902 im Jahr 1929 mit einem Kessel von Hanomag umgerüstet. Außerdem rüstete man die Lokomotiven in den zwanziger Jahren von Saugluftbremse Bauart Körting auf Saugluftbremse Bauart Hardy um.
In den sechziger und siebziger Jahren veränderte sich das Aussehen der Mallets noch einmal, als u.a. die Wasserkästen erneuert wurden. Das vordere Ende war nun nicht mehr völlig rund, sondern flach mit leicht abgerundeter Ecke (außen). Die neuen Seitentender waren völlig geschweißt. Außerdem wurden die runden Puffer gegen die noch heute üblichen getauscht, der Zentralverschluss an der Rauchkammertür entfiel und die verschlissenen Schornsteine wurden gegen die der sächs. IV K ausgewechselt. Einen alten Schornstein haben noch 99 5903 und 99 5906. Weiterhin wurden genietete Teile des Rahmens gegen geschweißte gewechselt. 99 5902 und 99 5903 erhielten auch ein Oberlicht, das von innen geöffnet werden kann. 99 5904 behielt ihren alten Belüftungsaufsatz bis zu ihrer Ausmusterung.
Im März 1974 bekamen 99 5901 und 99 5903 anlässlich der 75-Jahr-Feier der Harzquerbahn einen grünen Privatbahnanstrich und Nummernschilder "11" bzw. "13" an Schornstein und Führerhaus, trug aber weiterhin ihre DR-EDV-Nummer.
99 5903 erhielt 1991, rechtzeitig zur Wiedereröffnung der Brockenstrecke, eine Hauptuntersuchung im Raw "DSF" Görlitz und konnte wieder eingesetzt werden, wenn auch nur als Vorspannlok. Es fehlte noch immer die dringend benötigte Lösung für ein geeignetes Druckluftsystem. Die DR war nicht dazu fähig, die verbliebenen Mallets auf das Druckluftbremssystem umzurüsten, mit dem inzwischen alle Personenwagen der Harzer Schmalspurbahnen ausgerüstet worden waren.
Ende 1991 standen die Mallets überwiegend herum, obwohl 99 5902 und 99 5903 betriebsfähig waren. Erstere hatte noch eine Frist bis 1992, 99 5901 war schon seit 1989 kalt abgestellt. Als schließlich 1992 einige Mitglieder der Interessengemeinschaft Harzer Schmalspurbahnen e.V. in der Schweiz zwei geeignete Westinghouse-Luftpumpen fanden, war nur noch die 99 5903 einsatzbereit. Sie erhielt deshalb auch als erste eine komplette Druckluft-Ausrüstung (Pumpe, Hauptluftleitung, Bremsventile, Luftbehälter, Hauptluftbehälterleitung). Alle Arbeiten erfolgten nur durch Mitglieder der IG HSB mit Unterstützung der Werkstatt. Nach dem Umbau, der vier Wochen dauerte, mussten die Beteiligten noch eine Abnahmefahrt mit Vertretern des Raw Görlitz, der RBD Halle und der Harzer Schmalspurbahnen GmbH über sich ergehen lassen, die zur vollen Zufriedenheit verlief. Die Testfahrt erfolgte vom Brocken nach Wernigerode mit einem Zuggewicht von 150 Tonnen (Planzug und Lok BR 99.72). Nun endlich war ab dem 11.11.1992 wieder eine Malletlok der HSB voll einsatzfähig.
Ein
Jahr später wurde die zweite von der IG HSB gekaufte Luftpumpe zur Umrüstung
von 99 5901 verwendet, die in Görlitz eine Hauptuntersuchung erhielt (24.09.1993).
Der Umbau wurde diesmal im Rahmen der Hauptuntersuchung ausgeführt. Dabei
wurde auch der grüne Anstrich erneuert, allerdings wurde dafür ein äußerst
hässlicher Farbton verwendet. Dieser verschwand glücklicherweise 1998, als
Mitglieder der IG HSB der Maschine ihr schwarzes Farbkleid zurückgaben.
Während der Aufarbeitung 1998 im AW Meiningen bekam das Führerhaus
der Lok ein Oberlicht und der Schalldämpfer der schon lange nicht mehr
vorhandenen Gegendruckbremse wurde entfernt. Im November 2000 erhielt 99
5901 eine Fahrwerksbeleuchtung, da diese die Arbeiten im Fahrwerksbereich
während der Dunkelheit erleichtert.
99 5902 wurde Anfang 2000 im AW Meiningen nach acht Jahren Abstellung wieder betriebsfähig aufgearbeitet, wobei sie ebenfalls eine Druckluft-Bremsanlage erhielt. Hier fand man jedoch eine geschicktere Lösung zur Unterbringung der Druckluftbehälter. Sie befinden sich nicht, wie bei den anderen drei Mallet-Lokomotiven, zum Teil auf dem rechten Wasserkasten, sondern verbergen sich im Rahmen bzw. unter dem Führerhaus anstelle des entfernten Saugluftbehälters. Während dieser Revision verschwanden auch die Nieten an der Front des Drehgestells, da etwa ein Drittel davon erneuert werden musste. Bereits bei dem letzten Aufenthalt der 99 5902 im Raw Görlitz hatte man ihre Radsätze durch die von 99 5904 ersetzt. Anfang August 2002 erklang ein ungewöhnlicher Pfeifton im Harz - 99 5902 hatte eine andere Pfeife erhalten. Die Pfeife war ursprünglich auf den Lokomotiven, wurde aber nach der Übernahme durch die DR durch eine kleine Pfeife preußischer Bauart ersetzt.
99 5901 kehrte am 26.06.2002 nach einem langen Aufenthalt im AW Meiningen nach Wernigerode zurück, doch die Abnahme durch die HSB erfolgte aufgrund diverser Mängel vorerst nicht. Ein paar Tage später war die Nachbesserung erfolgt und die Lok wieder im Einsatz. Im Rahmen der Hauptuntersuchung erhielt 99 5901 einen völlig neuen Kessel (AW Meiningen, Bj. 2002, K.-Nr. 1526, 14 Bar), der 16 Heizrohre mehr enthält. Äußerlich fallen der neue Zentralverschluss (ohne Funktion), ein neuer Kohlenkasten, Schlauchanschlüsse zum Wassernehmen und eine manuelle Zylinderentwässerung auf. Am Rahmen wurden letzte Schäden vom Unfall 1977 beseitigt. Die Lok hat nun einen noch leistungsfähigeren Kessel.